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22.05.2019

Ngũgĩ wa Thiong’o erhält den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2019

Seit 1991 verleiht die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre den nach dem weltbekannten, in Osnabrück geborenen Schriftsteller Erich Maria Remarque benannten Friedenspreis. In diesem Jahr wird die Auszeichnung zum 15. Mal vergeben. Den mit 25.000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhält der kenianische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Ngũgĩ wa Thiong'o vor allem im Hinblick auf seine aufklärerischen antikolonialistischen Themen, seinen Bezug auf traditionelle afrikanische Theater- und Erzählkunst sowie für sein Eintreten für den Erhalt der Muttersprache als Identifikationsmerkmal.

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(2010Ngugi1Daniel Anderson UComm) Foto Ngũgĩ wa Thiong’o; Bildnachweis: Foto Daniel Anderson, zur freien Verwendung

Ngũgĩ wa Thiong'o versteht die Kommunikation unter den Sprachen als friedensstiftendes Element. Er gilt als eine der wichtigsten Stimmen der Literatur aus Afrika, seine im Sammelband Dekolonisierung des Denkens versammelten Essays bestimmen bis heute die Diskussion über die fortbestehenden Folgen der Kolonisierung Afrikas. Seit 1984 schreibt er seine literarischen Texte nur noch in seiner Muttersprache, dem Kikuyu, und übersetzt sie anschließend selbst ins Englische. Zu einer afrikanischen Literatur gehört für ihn das Schreiben in afrikanischen Sprachen, da in ihr die Mythen, die Denkweisen, die gesamte Kultur und die Mentalität der Menschen verankert sind, die diese Sprache sprechen. Über eine Gleichberechtigung der Sprachen sowie eine Dekolonisierung auf allen Ebenen könnten herrschende, postkoloniale Machtverhältnisse in den Ländern Afrikas überwunden und eine eigene, starke Identität gewonnen werden, die letztendlich auch die zu erwartenden Fluchtbewegungen in Richtung Europa verhindern könnte. Unter anderem in seinem Essayband Dekolonisierung des Denkens findet sich eine Auswahl von Vorträgen und Artikeln, die grundlegend seine postkoloniale Kritik und kulturwissenschaftlichen Thesen verdeutlichen.

„Vor allem in seinen Essays verweist Ngũgĩ wa Thiong'o schon sehr früh auf die gerade heute sehr aktuelle Diskussion über die Folgen der Kolonialzeit – ich denke da z.B. an die Frage der Rückgabe erbeuteter Kulturgüter – und die Notwendigkeit, die auch durch europäische Staaten unterstützten oder sogar erst ermöglichten Herrschaftsstrukturen in den postkolonialen Staaten Afrikas zu überwinden“, so Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.

„Mit Ngũgĩ wa Thiong'o zeichnen wir einen Schriftsteller aus, dem es um Selbstbestimmung afrikanischer Kulturen geht und um eine Loslösung aus kolonialen Zwängen. Sein Versuch, einen Dialog trotz oder gerade wegen der verschiedenen Sprachen über die Literatur herzustellen, ruft Verständnis für den anderen Kontinent hervor und kann so zum Frieden beitragen. Auch im Hinblick auf die Vermeidung eines neuen Kolonialismus, wie er heutzutage z.B. durch China angestrebt werde, ist Ngũgĩ wa Thiong'o ein wichtiger Vertreter der Eigenständigkeit durch Sprache“, so die Begründung der Jury.

Ngũgĩ wa Thiong'o tritt vehement ein für ein kulturelles Selbstbestimmungsrecht der Völker als identitäts- und friedensstiftendes Merkmal und entspricht damit dem Denken und der Überzeugung Erich Maria Remarques, der sich 1929 zu den Folgen des Ersten Weltkriegs äußerte: „Man weiß endlich, dass alle Menschen auf der Welt gleich sind; man weiß, dass alle gleiche Sorgen haben, gleiche Freuden, gleiche Hoffnungen und das gleiche Leben. Heute macht man sich die Mühe, in den Kopf des anderen Mitmenschen zu schauen. Und vier Jahre Krieg haben uns einzig den Wert des Friedens bewiesen.“

Der Verein „Sea-Watch“ erhält den mit 5.000 € dotierten Sonderpreis. Damit soll das zivile Engagement zur Seenotrettung von Flüchtenden geehrt und stärker in die Öffentlichkeit gerückt werden. Darüber hinaus wird auch das Eintreten für legale Flucht- bzw. Einreisewege gewürdigt sowie die Forderung n ach einer Rettung in Seenot geratener Flüchtende durch die zuständigen europäischen Institutionen. Die ausschließlich durch Spenden finanzierte Initiative wird durch Freiwillige aus ganz Europa unterstützt. „Sea-Watch“ war bisher an der Rettung von weit über 37.000 Menschen beteiligt.

Die Preisverleihung findet statt am Freitag, 29. November 2019, um 11 Uhr im Friedenssaal des historischen Rathauses der Stadt Osnabrück.

Weitere Informationen zu den Preisträgern gibt es hier.


www.osnabrueck.de

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