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Tahar Ben Jelloun erhält Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2011 

Tahar Ben Jelloun erhält Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2011

Sonderpreis für PRO ASYL

Tahar Ben Jelloun (Copyright: C. Hélie Gallimard)
Tahar Ben Jelloun (Copyright: C. Hélie Gallimard)
Tahar Ben Jelloun (Copyright: C. Hélie Gallimard)
 

Seit 1991 verleiht die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre den nach dem weltbekannten, in Osnabrück geborenen Schriftsteller Erich Maria Remarque benannten Friedenspreis. In diesem Jahr wird die Auszeichnung zum elften Mal vergeben.

Den mit 25.000 € dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhält der 1944 in Fès geborene marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun für sein Werk, das für ein friedliches Miteinander der christlichen und islamischen Kulturen wirbt. Verliehen wird der Preis insbesondere auch im Hinblick auf seine jüngst erschienene Essaysammlung "Arabischer Frühling" (2011), die sich mit den Ursachen und Folgen der Demokratiebewegungen in Nordafrika und im Nahen Osten beschäftigt.

Die Organisation PRO ASYL erhält den mit 5.000 € dotierten Sonderpreis für ihr Engagement zum Schutz verfolgter Menschen in Deutschland und Europa, auch hier im Hinblick auf die Flüchtlingsströme aus Nordafrika nach Europa.

Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis an Tahar Ben Jelloun verliehen

"Friede ist eine alltägliche Arbeit. Wir müssen jeden Tag wachsam sein." Mit diesen Worten trug sich der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun ins Goldene Buch der Stadt Osnabrück ein. Anlass war die Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2011 an den französischen Schriftsteller mit marokkanischen Wurzeln.

Er sei dankbar und tief bewegt, sagte der Dichter. Aus der Perspektive von Migranten beschreibt er in Essays und Romanen die Probleme des Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Ben Jelloun selbst war 1971 wegen seiner Arbeit gezwungen, seine Heimat Marokko zu verlassen. Seitdem lebt und arbeitet er überwiegend in Paris. Vor allem für seine Essaysammlung "Arabischer Frühling – Vom Wiedererlangen der arabischen Würde" hat ihn die Jury mit dem Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet. Dieser wird seit 1991 alle zwei Jahre verliehen und ist mit 25000 Euro dotiert.

"Die Jury hat einstimmig beschlossen, Tahar Ben Jelloun auszuzeichnen", betonte Prof. Dr. Claus Rollinger, der Vorsitzende der Jury und Präsident der Universität Osnabrück. Er lobte die intellektuelle und aufklärende Auseinandersetzung Ben Jellouns: "Er schreibt, wie schwierig es ist, als Fremder gesehen und anerkannt zu werden."

Einstimmig sei ebenfalls die Entscheidung der Jury über die Vergabe des Sonderpreises an die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl gefallen, sagte Rollinger. Vor 25 Jahren gegründet, setze sie sich für die Rechte von Flüchtlingen an den äußeren Grenzen der europäischen Union ein. Dr. Jürgen Micksch, Pro-Asyl-Gründer, nahm den Sonderpreis entgegen, der mit 5000 Euro dotiert ist. "An den Flüchtlingen sehen wir, wie es um die Menschenrechte bestellt ist", sagte Micksch in seinem Dank und versuchte Verständnis zu wecken: "Flüchtlinge engagieren sich für die Werte, die auch bei uns hoch gehalten werden." Überdies wies er mit Blick auf den arabischen Frühling auf die Gefahr hin, die historische Wende zu unterschätzen, die dieses Jahrhundert prägen könnte.

In seiner Laudatio für Tahar Ben Jelloun zog der Journalist Stefan Weidner eine Linie zwischen historischen Ereignissen, die an einem Punkt – dem Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses – zusammenlaufen. Im Fokus außerdem: die Ereignisse um den arabischen Frühling. Weidner nannte das Werk Erich-Maria Remarques, der sich unter anderem in seinem Buch "Die Nacht von Lissabon" mit der Situation von Flüchtlingen befasste: "Der Mensch war nichts mehr, ein gültiger Pass alles", zitierte Weidner den Osnabrücker Schriftsteller und ergänzte: "Das ist heute immer noch so." Eine weitere historische Linie zog Stefan Weidner zum Jahr 1648. Denn der Geist von damals sei pragmatisch gewesen. "Sie haben versucht, spaltende Kräfte zu zähmen und einander zuzuführen." Das sei auch heute notwendig, um Menschen Leid zu ersparen. Und er betonte: "Der Einfluss der arabischen Revolution ist nicht quantitativ zu messen, sondern qualitativ."

Ähnlich hatte sich auch Osnabrücks Oberbürgermeister Boris Pistorius geäußert, der angesichts des arabischen Frühlings von einer welthistorischen Wende sprach, die mit dem Mauerfall vor 20 Jahren vergleichbar sei. Pistorius hob die Bedeutung der Übersetzungsarbeit zwischen den Kulturen durch Tahar Ben Jelloun hervor und wies auf die wichtige Arbeit von Pro Asyl hin.

Auf die Situation von Flüchtlingen ging der Journalist Heribert Prantl in seiner Laudatio für Pro Asyl ein: "Die Grenzen in Europa sind so dicht, dass keine Menschlichkeit durchkommt", kritisierte er die europäische Politik, die dazu führe, dass das Mittelmeer ein Massengrab geworden sei: In diesem Jahr sind dort bereits 2000 Flüchtlinge gestorben. Die EU-Staaten schützten sich vor Flüchtlingen so, wie vor Terroristen. Sie würden so behandelt wie Triebtäter und betrachtet, wie Einbrecher. Prantl lobte die "undiplomatische Vertretung der Ärmsten" durch die Organisation Pro Asyl, die sich nicht an die Regeln halte: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht und Gehorsam ist des Christen Schmuck. Vielmehr hätten die Mitarbeiter diese Regeln ins Gegenteil verkehrt. "Sie konnten den Abschied vom Grundrecht auf Asyl nicht verhindern, sie konnten es nur begleiten und betrauern", erinnerte er. "Gegen falsche Politik helfen keine Auffanglager", klagte Prantl an und verlangte, dass es 25 Jahre nach Gründung von Pro Asyl an der Zeit sei, dass die Politik danke sage. Und während Heribert Prantl zum Sonderpreis gratulierte, gab er ihm unter dem Applaus der Gäste, das Folgende mit auf den Weg: "Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Arbeit überflüssig wird."

Tahar Ben Jellouns Werk steht im Zeichen der Integration. Der marokkanische Autor mit französischem Pass schreibt aus der Perspektive des Migranten über die Probleme des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen, z. B. in den Romanen "Verlassen" (2006) und "Zurückkehren" (2010). Darüber hinaus engagiert er sich in seinem essayistischen Werk nachdrücklich für ein Verständnis eines friedlichen Islam und gegen Rassismus wie beispielsweise in "Papa, was ist der Islam?" (2001), das in 25 Sprachen übersetzt wurde, oder in "Papa, woher kommt der Hass?" (2005).

Sein unaufhörliches Engagement für Verständigung und Toleranz und sein Einsatz für die Belange von Migranten in Europa verbinden ihn in besonderer Weise mit dem Werk Erich Maria Remarques. Mit der Essaysammlung "Arabischer Frühling – Vom Wiedererlangen der arabischen Würde" (2011) hat sich Tahar Ben Jelloun in literarisch einzigartiger Weise mit den Demokratiebewegungen in Nordafrika und im Nahen Osten auseinandergesetzt, zu ihrem Verständnis in der breiten Öffentlichkeit beigetragen und die Folgen dieser politischen und sozialen Umwälzungen auch für Europa nachdrücklich aufgezeigt.

Die 1986 gegründete Menschenrechtsorganisation PRO ASYL setzt sich in herausragender Weise für die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland und Europa ein. Insbesondere die kritische Beobachtung des Umgangs mit Flüchtlingen an den Außengrenzen der Europäischen Union und in Nordafrika und das Eintreten für ein gemeinsames europäisches Asylrecht verbinden die Arbeit von PRO ASYL in besonderer Weise mit dem Werk Erich Maria Remarques, der sich in zahlreichen Romanen mit dem Schicksal von Emigranten und Flüchtlingen im Europa der 1930er und 1940er Jahre auseinandergesetzt hat.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis  

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wird im Sinne seines Namensgebers für belletristische, journalistische oder wissenschaftliche Arbeiten vergeben, die sich mit Themen des inneren und äußeren Friedens auseinandersetzen, und für beispielhaftes Engagement für Frieden, Humanität und die Freiheit stehen.

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Claus Rollinger, Präsident der Universität Osnabrück, gehören der Jury Prof. Heinz Ludwig Arnold, Prof. Dr. Hans Mommsen, Prof. Dr. Heribert Prantl, Jutta Sauer, Prof. Dr. Rita Süßmuth, Dr. Hubert Winkels sowie Prof. Dr. Tilman Westphalen als Vertreter der Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft und Dr. Thomas Schneider als Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum und als Vertreter der Stadt Osnabrück Oberbürgermeister Boris Pistorius und der städtische Pressesprecher Dr. Sven Jürgensen an.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wurde bisher vergeben an Lew Kopelew (1991), Hans Magnus Enzensberger (1993), Uri Avnery (1995), Ludvik Vaculik (1997), Huschang Golschiri (1999), Swetlana Alexijiwitsch (2001), Prof. Dr. Dan bar-On und Mahmud Darwisch (gleichrangig (2003), Leoluca Orlando (2005), Prof. Dr. Tony Judt (2007) und Henning Mankell (2009).

Sonderpreise erhielten Anja Lundholm (1991), Dörte von Westernhagen (1993), Milijenko Jergovic (1995), die Gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission (1997), das Gründungskomitee des Verbandes iranischer Schriftsteller (1999), die Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge MEMORIAL (2001), Juri Andruchowytsch (2005), Grigori Pasko (2007) und Lukas Bärfuss (2009). 

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