Osnabrücks Oberbürgermeister Boris Pistorius nannte es zum Auftakt des Abends eine Ehre und große Freude, dass Mankell anlässlich der Preisverleihung einen mehrtätigen Aufenthalt in der Stadt einlege. Das Motto des Abends, "Wir alle kommen aus Afrika", treffe im weitesten Sinne auf jeden Einzeln und die ganze Welt zu, meinte Pistorius. Gewandt an Mankell und die Zuhörer im bis auf den letzten Platz besetzten Niedersachsensaal sagte Pistorius: "Ich bin begeistert von der Begeisterung, die dieser Friedenspreis bei ihnen ausgelöst hat."
Mankell machte an vielen Beispielen deutlich, dass in Europa ein falsches Afrika-Bild verbreitet ist. Er mahnte an, dass endlich dazu übergangen werden müsse, den Afrikanern zuzuhören und wirklich auf ihre Belange einzugehen. "Doppelt so viel Zeit mit Zuhören wie mit Sprechen zu verbringen, das ist etwas, das Europa in Afrika berücksichtigen sollte", riet Mankell. Die von Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler eingerichteten "Partnership for Africa"-Symposien, in denen führende Politiker und Intellektuelle aus Afrika und Europa zusammenkommen, bezeichnete er als "wunderbare Sache."
Mankell sagte, dass für die weitere Entwicklung des Kontinents direkte Hilfe gar nicht so wichtig sei. "Wer den Afrikanern wirklich helfen will, muss die Märkte für sie öffnen. Die Afrikaner müssen ihre Produkte verkaufen können." Entwicklungshilfe könne ebenfalls einen Beitrag leisten. Aber wenn die Projekte wirklich helfen sollten, müsse auch dabei den Afrikanern zugehört werden. Vorgefertigte Antworten nützten nichts.
In weiteren Gesprächspassagen erklärte der Preisträger, dass der größte Unterschied zwischen Europa und Afrika der Analphabetismus sei. Kriege und Konflikte in Afrika sind nach den Worten von Mankell vor allem postkolonialer Natur und gehen auf den Einfluss des Westens zurück. Die Verantwortung sei bei uns zu suchen. Dass eine gerade Linie zwischen Angola und Sambia verlaufe, nannte er "lächerlich." Nach dem Ende der Kolonialzeit seien die großen Diktatoren aufgekommen, die ein großes Blutvergießen angerichtet hätten. Für diesen Verlauf gebe es auch in der europäischen Geschichte Vergleiche. Nun seien die Länder in Afrika dabei, Demokratien aufzubauen. Sie bräuchten Geduld und Hilfe bei der Demokratisierung. Auch dabei komme es aufs Zuhören an, denn in Afrika gebe es keine über 100 Jahre gewachsenen Demokratien wie bei uns. "Es ist wichtig, zu wissen, wie viel wir nicht übereinander wissen", meinte Mankell. "Was wir begreifen müssen, ist, wie groß die Welt ist."
Nach dem Gespräch las der Schauspieler Axel Milberg ein Kapitel aus Mankells 2004 erschienenem Buch "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt". Darin geht es um Aids und die bewegenden Erinnerungsbücher von aidskranken Eltern in Uganda, die ihr Leben niederschreiben, damit sich ihre Kinder nach ihrem Tod an sie erinnern können. Mankell ging auf das Beispiel einer Frau ein, die ein solches Buch für ihre Tochter geschrieben hat. "Die Erinnerungen sind wichtig für das Mädchen und im besten Fall bleibt ihr eigenes Erinnerungsbuch ungeschrieben", so Mankell. Er bezeichnete die kleine Hefte, die von den Sterbenden geschrieben und gemalt werden, als die vielleicht "wichtigsten Dokumente unserer Zeit." Das Mädchen könne lesen, sie werde Forderungen an ihren Mann stellen. "Lesen und Schreiben heißt Überleben lernen", sagte Mankel.
Der dritte und letzte Programmpunkt, das Konzert des international bekannten Musikers und Songschreibers Salif Keita aus Mali, war ein besonderes Vergnügen für Mankell. "Ich bin so stolz, ich bin so glücklich", freute sich der Schwede, der Keitas Bekanntheitsgrad in Afrika mit dem von Bob Dylan in Amerika verglich. Jutta Sauer, Leiterin des Literaturbüros Westniedersachsen, hatte den Musiker mit einiger Mühe nach Osnabrück gelotst. Da eine Buchung über eine Agentur viel zu teuer gewesen wäre, nahm sie schließlich direkten Kontakt zu ihm auf und bekam wegen Mankell auch prompt eine Zusage.
Mankell wird heute um 11 Uhr in einem nicht öffentlichen Festakt in der Osnabrücker Marienkirche mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet. Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler hält die Laudatio für Mankell. Den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis erhält der Schweizer Dramatiker und Autor Lukas Bärfuss für sein Afrika-Buch "Hundert Tage". Für ihn spricht Spiegel-Kulturredakteur Dr. Volker Hage.





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