Die Besucher der Stadt Osnabrück beeindruckt zumeist auf Anhieb das gut erhaltene mittelalterliche Stadtbild und das wunderschöne Altstadtviertel. Überrascht stellen viele jedoch erst auf den zweiten Blick fest, dass sie mit Osnabrück auch die Heimatstadt eines der berühmtesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts entdecken. Denn hier wurde im Juni 1898 Erich Maria Remarque geboren, der mit seinem 1929 erschienenen Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" Weltberühmtheit erlangte.
Das Verhältnis eines Schriftstellers zu seiner Geburtsstadt ist sicherlich nicht nur an Äußerlichkeiten festzumachen. Dennoch ist es auffallend, dass in die fiktive Wirklichkeit von Remarques Romanen immer wieder seiner Heimatstadt entliehene Straßen- und Gebäudenamen eingegangen sind und der Autor sie häufig mit Gefühlen der Erinnerung, der Wehmut und des Verlustes verbindet. So heißt es beispielsweise in dem Roman "Zeit zu leben und Zeit zu sterben":
Er kannte die Silhouette der Stadt nicht wieder. Überall waren Lücken wie in einem beschädigten Gebiss. Die grüne Kuppel des Doms fehlte. Die Katharinenkirche war eingestürzt. Die Dächerreihen rundum waren räudig und zerfressen [...].
Die Worte, die Remarque hier dem Helden eines seiner Romane in den Mund legt, drücken nur allzu sehr seine persönlichen Erfahrungen aus. Am 14. Juli 1952 vermerkt er in sein Tagebuch: "Durch Osnabrück. Katharinenkirche ohne Turmbekleidung. Ruinen, Hakenstraße Nr. 3 nicht mehr gesehen. Bierstr. Großestr. Fast alles neu, niedrige Häuser. Johanniskirche fast unzerstört. Süsterstraße zerstört. Vogthaus auch. Hoberghaus und Garten weniger. Alles nur im Vorbeifahren gesehen."
Und in einem Brief an seinen Osnabrücker Freund Hanns-Gerd Rabe vom März 1963 offenbarte er:
"Als ich, nach Verbrennung meiner Bücher, Verlust meiner Staatsangehörigkeit und mehr als 15 Jahren Abwesenheit nach dem Kriege zum erstenmal in meine Heimatstadt zurückkehrte, fand ich sie nicht wieder. Die Stadt war ein Trümmerhaufen geworden, in dem ich mich verirrte, als ich die Straßen meiner Jugend suchte..."
Dennoch - und obwohl Remarque längst nicht mehr in Osnabrück lebte - flossen die Erinnerungen an seine Geburtsstadt, in der der Autor in den Jahren 1898-1922 seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, in viele seiner Romane ein. Es wäre allerdings ein Trugschluss anzunehmen, Remarque habe dies allein aus einer verklärten Heimatverbundenheit heraus getan. Viel zu bitter müssen ihn die Ablehnung und die Schmähungen getroffen haben, die ihm als vermeintlichem "Nestbeschmutzer" nach Erscheinen seiner Antikriegsromane auch in seiner Geburtsstadt nicht erspart blieben. Die darin zum Ausdruck kommende Doppelmoral und den Ungeist der Nazi-Zeit hat Remarque mit scharfem Blick nicht zuletzt in seinem autobiographisch geprägten Roman "Der schwarze Obelisk" entlarvt. Doch klingen die Worte Remarques über seine Geburtsstadt in der Rückschau eher versöhnlich:
"[...] die Stadt liegt mir am Herzen, wir sind doch da geboren und aufgewachsen. Man soll nie etwas verleugnen, und, wie Du weißt, haben fast alle meine Bücher ein Stück Hintergrund von Osnabrück" (aus einem Brief Remarques vom 9. Mai 1957 aus New York an Hanns-Gerd Rabe).
Und auch wenn sich Osnabrücks Stadtbild wesentlich verändert hat, so sind trotz der umfangreichen Schäden, die die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs verursachten, zahlreiche Gebäude und Straßenzüge aus dem Osnabrück Erich Maria Remarques auch heute noch wiederzufinden.
Diesen Spuren folgt der hier vorgeschlagene Stadtrundgang, wobei die vorliegende Broschüre anhand historischer Fotos das alte Osnabrück dort auferstehen lässt, wo es der Zerstörung oder der Modernisierung zum Opfer gefallen ist. Darüber hinaus kommt der Autor selbst zu Wort oder seine Werke werden zitiert, um Remarques Verbindung zu den beschriebenen Orten zu erhellen, die für die ersten zwei Lebensjahrzehnte sein Lebensumfeld bildeten und ihn somit wesentlich geprägt haben. Paulette Goddard, Remarques zweite Frau, charakterisierte kurz nach seinem Tod sein Verhältnis zu Osnabrück mit den folgenden Worten:
"Erich hat sich um die Stadt, die seine Jugend formte, sehr gesorgt; mehr als irgendjemand es wissen wird. Er liebte das Leben, als er jung war und zur Schule ging; er sah alles - und erinnerte sich an alles."
Der Rundgang, für den man etwa eine Stunde einplanen muss, beginnt und endet am Erich Maria Remarque-Friedenszentrum im historischen Stadtkern von Osnabrück. Hingewiesen wird darüber hinaus auf weitere Punkte im Stadtgebiet, die mit Remarque in Zusammenhang stehen und die ein wenig abseits des Weges liegen, aber für Interessierte, die etwas mehr Zeit mitbringen, sicherlich einen Besuch wert sind. Da der Rundgang an vielen stadtgeschichtlich interessanten Gebäuden und Straßenzügen vorbeiführt, eignet er sich für den touristischen Stadtbesucher ebenso wie für Schulexkursionen und stellt eine ideale Ergänzung zum Besuch der Dauerausstellung über Erich Maria Remarque im Remarque-Friedenszentrum dar.