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Kunstgeschichte und Kunstrichtung 

Kunstgeschichte

1923 Berlin. Berlin war der Mittelpunkt des Reiches und die Kunst-Metropole, alles andere war Provinz. Die Künstler und die Künste übten eine magnetische Kraft auch auf Felix Nussbaum aus. Er geht an die "Hochschule für bildende Künste." Cesar Klein und Paul Plontke werden seine Lehrer. Später kommt auch Karl Hofer als Lehrer an die Hochschule. "Hofers Einfluss war so groß, dass fast alle Schüler mit den Augen Hofers malten." (S. 40)

Zunächst wird 1925 Vincent van Gogh ein großes Vorbild für Felix Nussbaum. "Erinnerung an Grüssau" oder "Meine Mutter". Der Blumenstrauß in "Meine Mutter" hat reliefartigen Farbauftrag, der Pinselstrich ist heftig und deutlich sichtbar.

1929 fährt Nussbaum nach Arles, wandelt auf den Spuren van Goghs und malt alle Motive van Goghs im Angesicht der Natur im Stil seines Vorbildes wie beispielsweise bei der "Gräberallee in Arles." (1929)

Ab 1929 wird van Gogh von Henri Rousseau als Vorbild abgelöst. Die naive Malerei des französischen Künstlers kommt Nussbaum entgegen. 1929 entsteht "Fußball", das stark an "Die Rugbyspieler" (1908) von Rousseau erinnert, ebenso "Der Turner" (1929) und "Landbriefträger" (1928). Nussbaum versucht, sich künstlerisch dem großen Vorbild anzunähern. "Eine reizvoll still-vergnügte und anspruchslose Bilderkunst entsteht" (S. 48). "Das meiste ist sehr gekonnt, aber eben nicht mehr, nicht mehr als ein "nettes Bildchen" (S. 50).

"Von den Tendenzen der 'Neuen Sachlichkeit', die das Bild der Kunst der zwanziger  Jahre geprägt haben, ist Nussbaum lange nur am Rande berührt worden" (S. 50).

Kunstrichtung: Neue Sachlichkeit

Die "Neue Sachlichkeit" versteht sich als Gegenströmung zum stürmisch gefühlsbetonten Expressionismus vor dem Hintergrund politischer Probleme nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.

Es gab zwei Flügel der Neuen Sachlichkeit, einen rechten und einen linken Flügel. "Der eine konservativ bis zum Klassizismus, im Zeitlosen Wurzel fassend, will nach so viel Verstiegenheit und Chaos das Gesunde, Körperlich-Plastische in reiner Zeichnung nach der Natur wieder heiligen. Der andere linke Flügel, grell zeitgenössisch, weit weniger kunstgläubig, eher aus Verneinung der Kunst geboren, sucht mit primitiver Feststellungs-, nervöser Selbstentäußerungssucht, Aufdeckung des Chaos, wahres Gesicht unserer Zeit" (S. 55).

Das Themenrepertoire reichte vom hintergründigen Stillleben bis zur revolutionär politischen Gesellschaftskritik, von der provokativen Demonstration sozialer Missstände bis zur romantischen Stille und fast biedermeierlichen Naturidylle.

Allen Tendenzen dieser Neuen Sachlichkeit ist jedoch eines gemeinsam: das Engagement gegen die Relativierung der Dingwelt, die sich im Anschluss an den Kubismus ausbreitete, sei es in der Form eines zu Abstraktion neigenden Expressionismus oder sei es in der Gestalt des gegenstandsauflösenden Futurismus.

In Deutschland tritt die Neue Sachlichkeit 1925 anlässlich einer retrospektiven Ausstellung in Mannheim programmatisch als eine Kunstrichtung in Erscheinung, die sich um Anerkennung der realen Sachwelt bemüht.

Vertreter des rechten Flügels der Neuen Sachlichkeit in Deutschland sind: Anton Räderschmidt, Alexander Kanoldt, Carl Grossberg, Franz Radziwill, Rudolf Schlichter, Karl Völker, Karl Hofer.

Für viele dieser Künstler wird ein Italienaufenthalt stilbildend. Zeitgleich entwickelte sich in Italien eine restaurative Bewegung in der Kunst, ein neoklassizistischer Traditionalismus, der das moderne Element zugunsten antikisierender Formen ablöste. Georgio de Chirico und Carlo Carra sind Vertreter dieser Richtung. Die beiden malten Bilder in verhaltenen Farben mit verödeten Plätzen, kulissenähnlicher Architektur und gliederpuppenartigen Figuren. Vor allem de Chirico gilt als Vorreiter des Surrealismus. Bei ihm zeigt sich erstmalig die suggestiv-alogische Anschauung einer metaphysischen Zuständigkeit wie Bedrohung, Angst, Leere, durch die atmosphärisch- emotionale Verfremdung der Dinge.

Felix Nussbaum beschäftigt sich in seiner Kunst  sichtbar mit den verschiedenen Einflüssen seiner Zeit. Es gelingt im aber, daraus eine ganz eigene Bildsprache zu schaffen, die in der Frühzeit eine Ausdrucksspanne zeigt, die von Karikaturhaftem und Naiven bis hin zu tiefster Verunsicherung und Melancholie reicht.

Neben der "Neuen Sachlichkeit" gab es in den zwanziger Jahren eine Bewegung der Neoromantik. Die Kunst der "Nazarener" wurde wieder entdeckt. Speziell der rechte Flügel der "Neuen Sachlichkeit" suchte in der Rückbesinnung auf die restaurative akademische Kunst des 19. Jahrhunderts klare Ordnung und harmonische Ruhe. Die Ordnung der Kunst wird gegen die Unordnung der Zeit gesetzt. Die Nazarener waren Wiener Künstler, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem asketisch-religiösen Künstlerbund den hohen malerischen Idealen altdeutscher und vorraffaelitischer italienischer Meister nacheiferten. Ihre Bilder weisen technisch eine hohe Qualität auf.
Vertreter dieses Stils sind Georg Schrimpf und Carlo Mense.

1930 entsteht die "Bildnisgruppe", ein fast klassisch anmutendes Bild Felix Nussbaums. Das Gemälde ist von klassischer Ausgewogenheit und voll von der jahrhundertealten Italien Sehnsucht deutscher Maler.

Ab 1935 beschäftigt Nussbaum das Thema Masken. Er malt "2 Masken" (1935), "Maler mit Maske" (1935), "Maler mit Maske und Katze" (1935). Mit diesem Thema ist er in Gesellschaft vieler Maler seiner Zeit. Karl Hofer, Max Beckmann, der belgische Maler James Ensor haben Vorlieben für Masken und Maskeraden.

Anonymität, Identifikationssuche, Verbergen, Verlorenheit sind Themen, die auf das Schicksal vieler Menschen in dieser Zeit hinweisen.

1939 sucht Nussbaum eine Auseinandersetzung mit dem Surrealismus. Über den Künstler James Ensor lernt er Arbeiten belgischer Surrealisten kennen. Es entstehen eine Reihe von surrealen Landschaften. Aber "das Ungenügende dieser Arbeiten, die ihm, dem Erzähler von Realien letztendlich wesensfremd waren, scheint er doch sehr schnell bemerkt zu haben" (S. 134).

"So stellt er sich endgültig seiner Situation und beginnt sie künstlerisch aufzuarbeiten" (S.134).

Allein auf sich gestellt, isoliert, ohne Orientierung an anderen Künstlern, ohne Reaktion auf seine Arbeiten, entwickelt Felix Nussbaum seine eigenen Themen und seinen eigenen künstlerischen Stil. Die Malerei wird das Wichtigste in seinem Leben. Sie hilft ihm die Isolation und die Angst zu ertragen und legt zugleich Zeugnis ab über das Leid der Menschen in Bedrängnis und Not.

Alle Zitaten aus: Eva Berger u.a., Felix Nussbaum - Verfemte Kunst - Exilkunst - Widerstandskunst, 3. Auflage, Bramsche 1995

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