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Auseinandersetzung 

Auseinandersetzung mit der väterlichen Kunstwelt

Felix Nussbaum - Leben und Werk

Silberhochzeit der Eltern, 1925, Fotografie
Familie Nussbaum 1925
1922 beginnt Nussbaum sein Kunststudium in Hamburg, geht aber bereits im Sommersemester 1923 in die Kunstmetropole Berlin. Er studiert unter anderem bei Cesar Klein und ist ab 1928 Meisterschüler von Hans Meid. Im selben Jahr hat Nussbaum, erst 23-jährig, seine erste Einzelausstellung in der Galerie Casper am Halleschen Ufer.

In der Frühzeit sind noch starke Anklänge an van Gogh zu entdecken, die auf die Auseinandersetzung mit der Kunstwelt seines Vaters verweisen. Nach Versuchen erster künstlerischer Orientierung scheint Felix Nussbaum in dem Gemälde "Packhaus" das erste Mal die Bewältigung formaler Probleme gelungen zu sein: Voller Stolz zitiert er das Bild im Hintergrund seines Porträts des Vaters.

Die Auseinandersetzung mit van Gogh, die zeitweise fast Ausmaße einer kultischen Verehrung annimmt, ist auch Thema des "Selbstbildnis mit grünem Hut" von 1927, in dem sich Nussbaum in Anlehnung an ein Selbstporträt van Goghs malt, um über diese Selbstvergewisserung auf eine gewisse Seelenverwandtschaft zu seinem großen Vorbild zu verweisen.

Waren in seinen frühen Bildern noch Anklänge an die Malerei van Goghs zu entdecken, sind in seiner Berliner Zeit vor allem Henri Rousseau, Georgio de Chirico und Carl Hofer als künstlerische Vorbilder auszumachen. Nussbaums Bilder erhalten wohlwollende Kritiken. Die Rezensenten heben besonders die "eigenartige Phantastik von Liebe und Tod, von Unschuld und Galgenhumor, von Gruseligkeit und kindlichem Entzücken" hervor. Das Gemälde "Funkturm Nr. 2" ist ein Beispiel für seine vielgelobten humoristischen Bildideen. Daneben erscheinen Themen wie Melancholie und "Trauer", die sich nur vordergründig ironisch geben. Sie fördern teilweise Nussbaums Ängste zu Tage, die er über seine Malerei zu beschwichtigen versucht.

Der Abschied von den Vorbildern wird ab 1928 in seiner Malerei sein Thema, nachdem er sein Studium als abgeschlossen betrachtet und sich als Meisterschüler von Hans Meid bewirbt. Fast wie ein Abschiedsreise mutet seine Fahrt nach Südfrankreich an, um auf den Spuren van Goghs zu malen und seine Auseinandersetzung mit ihm abzuschließen. In den Bilder "Les Alyscamp" und "Landschaft in der Provence" verweist ein Mann mit Strohhut, der auf einen Stock gestützt auf einer Straße entlanggeht und das Bild zu verlassen scheint, auf sein großes Vorbild, von dem er sich verabschiedet und mit einem eigenen Stil nach Berlin zurückkehrt.

Felix Nussbaum mietet 1929 sein eigenes Atelier in der Xantener Straße und macht auch damit deutlich, dass er sich als selbstständiger Maler niedergelassen hat. Das aus dem gleichen Jahr stammende Gemälde "Erinnerung an Norderney" thematisiert diesen Abschied von der Jugend:
Vor der pittoresken Fassade des Hotels Villa Nordsee steht eine überdimensionale Postkarte, durch die sich die Gaffel eines Kutters bohrt. Die seltsam eingefrorene Darstellung der rousseauhaften Figuren scheint auf die vergangene glückliche, kindlich heitere Welt zu verweisen, wie der Text der Postkarte vermuten lässt: "Gefühl von Trauer – welches, gleich einem Rade über unser Gemüt rollt. Aber trotzdem bin ich kein Spielverderber – und sind wir eine ganz fidele Gesellschaft. Überlassen wir also die Dinge, die unserem Auge unsichtbar sind, den modernen Malern. Für heute innigste Grüße und Küsse Euer Euch (liebender) Sohn Felix". Es handelt sich gleichzeitig aber auch um ein kunsttheoretisches Manifest, mit dem er sich zur mimetischen Kunst bekennt, wohl wissend, dass es hinter der sichtbaren Welt eine Realität gibt, wie etwa seine Ängste und Bedrohungen, für die er in seiner Malerei die adäquaten Ausdrucksmittel sucht. Hier bedient er sich ansatzweise der metaphysischen Formen de Chiricos. Für das Unerklärliche und Unsichtbare inhaltlich und formal eine eigene Sprache zu finden, gelingt im erst später.

Bereits 1931 ist Felix Nussbaum in Berlin eine feste Größe unter den Künstlern der jungen Generation. Dazu entscheidend beigetragen hat sicherlich das Gemälde "Der tolle Platz", das zur Sammlung der Berlinischen Galerie gehört, mit dem es Nussbaum gelang, ein Schlüsselbild für die Kunstsituation um 1930 zu schaffen. Es thematisiert den Generationenwechsel, wobei das Bild auch als deutliche Kritik an der Preußischen Akademie zu verstehen ist. Nussbaum zieht hier mit einer Gruppe gleichgesinnter junger Künstler gegen die Akademie zu Felde, wobei er allerdings einen freundlichen Ton in diesem "Künstlerspaß" beibehält. Liebermann soll vor diesem Bild sogar amüsiert gesagt haben: "Der wird mal beinah so jut wie ick selber."

Als Krönung seines raschen Erfolges erhält er 1932 ein Stipendium an der Deutschen Akademie , Villa Massimo, in Rom. Sein Widerstreben, nach Italien zu reisen - "Da werde ich sicher kitschig, da unten" - verarbeitet Felix Nussbaum in seinem Gemälde "Narziß", bei dem es sich wiederum um eine künstlerische Selbstreflektion handelt. Für Nussbaum war Italien das Land einer bereits vergangenen Epoche, die Verkörperung des Kunstverständnisses des Bildungsbürgertums und somit letztlich auch seines Vaters, von dessen Kunstwelt er sich inzwischen gelöst hatte. Für Felix Nussbaum kamen die Impulse für die Kunst aus Paris und nicht aus Italien, wo ihm "alles so archäologisch" vorkommt. Er fährt im Oktober 1932 trotzdem nach Italien und wird nie nach Deutschland zurückkehren.

Die ersten Arbeiten, die in Italien entstehen, belegen sein Bemühen, nur ja nicht "kitschig" zu werden. Das Licht und die Farben des Südens finden in seine Kunst keinen Eingang. Es entstehen eher trostlos zu nennende, wenig spektakuläre Motive wie die "Mauer in Rom". Er verweigert sich der südlichen Atmosphäre durch eine erdige Farbstimmung, die Morbidität vermittelt. Mit dem Gemälde "Das Begräbnis" gestaltet Felix Nussbaum seine Kritik an der "klassischen" akademischen Kunstauffassung, wie dies bereits im "Tollen Platz" erfolgte, als "römische" Version. Auch hier ist der Generationenkonflikt dargestellt: Die etablierten Professoren auf der einen Seite und die jungen Künstler auf der anderen, die wie mit den Trompeten von Jericho zum Angriff blasen. Während im Hintergrund ein Chor vor der Kulisse eines Tempelfragments vom Forum Romanum ein Lied anstimmt, sicherlich ein Loblied auf den klassischen Kunstbegriff, wird im Vordergrund ein antiker Torso zu Grabe getragen.

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