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Irritation im Exil 

Die Irritation des Malers im Exil

Felix Nussbaum - Leben und Werk

Belgischer Fremdenpass Nr. 412 für Felix Nussbaum, ausgestellt am 16.11.1935
Belgischer Fremdenpass
Im Frühjahr 1934 trifft sich Nussbaum mit seinen Eltern, die am 26. Februar 1934 in die Schweiz emigrieren wollten, in Rapallo, wo er sie zum letzten Mal sieht. Für den vaterlandsliebenden Philipp Nussbaum, der im Januar 1934 noch ein Abschiedslied für seine ehemaligen Kameraden des Kavallerievereins verfasst hatte, aus dem er ausgeschlossen worden war, muss die Entwicklung besonders schmerzlich gewesen sein. Die Eltern gehen wieder nach Deutschland zurück, da das Heimweh stärker ist, als die Angst vor der zunehmenden Bedrohung. Diese Erfahrungen und die große Sorge um seine Eltern scheint der direkte Hintergrund für die beiden Gouachen "Friedhofsbank" und "Der kranke Reiter" zu sein. Es tauchen wieder die Themen seiner Berliner Friedhofsbilder auf, mit denen er seine Ängste zu beschwichtigen versucht. Während das alte Paar in der erstgenannten Arbeit dem Verlust des Liebgewonnen nachtrauert, verweist das zweite Blatt auf den Entschluss des Vaters zurückzukehren: Ohne nach vorn zu schauen, läuft der Reiter direkt dem Tod in die Arme.

Felix Nussbaum bleibt im Ausland. Zusammen mit der polnischen Malerin Felka Platek, die er 1924 in Berlin kennen gelernt hat und die ihm in die Emigration folgt, trifft er von Paris kommend 1935 mit einem Touristenvisum im belgischen Seebad Ostende ein. Hier bekommt er zunehmend die Bedingungen der Emigration zu spüren: Der Kampf um die Aufenthaltsgenehmigungen, der ständige Wechsel der Pensionen, die fehlende Resonanz auf seine Kunst.

Die Auseinandersetzung mit seiner tiefen Verunsicherung findet ab 1936 in einer Reihe von Selbstbildnissen vor dem Spiegel statt. Dabei geht es weniger um eine Selbstfindung des Künstlers an sich, sondern um die Wahrung seiner eigenen Identität. Die drohende Deformierung der Identität (als deutscher Künstler und jüdischer Deutscher) unter den politischen Verhältnissen und das Sich-dagegen-behaupten (als Maler im Exil) findet ihren künstlerischen Ausdruck im Spektrum dieser Gesichtsstudien: Von der emotionalen Hilflosigkeit der Grimassen (und Maskerade) bis hin zum beruhigten, wahren Selbstporträt entsteht eine ganze Sequenz von Emotionsstudien. Diese Analysen seiner inneren Realität, die meist als Kohlezeichnungen entstehen, verbindet er in den Gouachen mit Fragmenten der äußeren Realität. Als Hintergründe dienen allerdings teilweise noch Motive aus Bildern, die in Italien entstanden sind und auf wichtige Stationen seines Emigrantendaseins zu verweisen scheinen.

Das "Selbstbildnis mit Geschirrtuch" schließt die Sequenz seiner Selbstbefragung ab. Als junger Mann mit nacktem Oberkörper stellt sich Nussbaum hier vor der dunklen Dachsilhouette von Ostende da. Er hat sich ein Küchentuch, wie es in Deutschland weit verbreitet ist, um seine Schulter gebunden. Es vermittelt ein wenig Häuslichkeit und repräsentiert ein kleines Stückchen Heimat. Insofern wirkt der Dargestellte, trotz der Blume hinter dem Ohr, nicht schelmisch, sondern verletzlich: als Mensch und als Künstler und seit den Nürnberger Gesetzen eben auch als Jude. Denn darauf verweist nicht nur die seltsame Kopfbedeckung, sondern auch das Küchenhandtuch, das er sich wie einen Gebetsmantel um die Schultern gelegt hat. Wie kein anderer Künstler vermochte Felix Nussbaum in seinen Selbstbildnissen diesen Gefühlszustand der Emigranten, den Verlust der inneren Sicherheit, in seinen Bildern umzusetzen.

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