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Flüchten oder Ausharren 

Flüchten oder Ausharren

Felix Nussbaum - Leben und Werk

Als mit dem so genannten "Judenstern-Erlaß" am 28. Mai 1942 die Gesetzgebung gegen Juden in Belgien ihren Abschluss findet, beginnt im August 1942 die Deportation aus den besetzten Gebieten in die Vernichtungslager des Ostens. Als Nussbaum im Herbst 1942 daraufhin fluchtartig sein Atelier verlässt, bleiben drei großformatige Bilder zurück. In ihnen beschäftigt sich Nussbaum mit den ihm verbleibenden Möglichkeiten der Reaktion auf die Bedrohung seiner Existenz durch die Gesetzgebung. Flüchten oder ausharren ist die ihn in dieser Zeit beschäftigende Frage.

In "St. Cyprien" finden sich die Situation gemeinsamer Gefangenschaft und der Gedanke an Flucht. Grundlage des Bildes ist die Schilderung der Lagersituation, wie Nussbaum sie bereits in einer Vorzeichnung festgehalten hatte, die 1940 unmittelbar nach seiner Flucht aus St. Cyprien entstand. Hier handelt es sich vor dem Hintergrund der Lagererfahrung um eine allegorische Darstellung, in diesem Fall bezugnehmend auf die vier "Charaktere" der Söhne aus der Pessach-Haggadah: der Böse, der Weise, der Naive und der "der nicht zu fragen versteht". Keine dieser Geisteshaltungen bietet für Felix Nussbaum eine Antwort auf die Frage nach Rettung. Er selbst trägt Wanderstab und Bündel und scheint zur Flucht gerüstet: aber wohin? - wie der Blick auf den von Stacheldraht zusammengehaltene Globus zeigt.

Eine mögliche Erklärung für das Ausharren könnte das Gemälde "Soir" bieten, das Felix Nussbaum und Felka Platek in einer seltsam sperrigen Umarmung zeigt. Er selbst, halb angekleidet, scheint zur Flucht bereit, seine Frau, die auf seinem linken Fuß steht, scheint ihn an der Flucht zu hindern.

Im letzten Bild dieser Sequenz, dem "Orgelmann", zeichnet Nussbaum ein Bild des allgemeinen Untergangs, der sich ebenso auf sein Künstlertum bezieht, wie die Verwendung seiner häufig verwendeten Metapher zeigt. Er hat aufgehört zu spielen, die Kurbel fehlt und die Orgelpfeifen sind zu Knochen geworden. Teilnahmslos schaut er aus dem Bild heraus, die Szenerie des Untergangs in seinem Rücken. Er weiß, dass es für eine Flucht zu spät ist. Aus eigener Kraft wird es keine Rettung mehr geben.

Die von Nussbaum in seinen Bildern thematisierten Reaktionsmöglichkeiten - zu fliehen oder auszuharren- sind hinfällig: Nussbaum wird von der Gestapo gesucht.

Seit dem Beginn der Deportationen werden Nussbaums Bilder zum Tagebuch der Isolation des im Versteck vor den Nazis lebenden Juden.

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