Direkt zum Inhalt Direkt zur Hauptnavigation Direkt zur Sucheingabe

Seitenempfehlung verschicken 


Empfänger
Ihre Adressdaten
Ihre Nachricht

Maler des jüdischen Schicksals 

Der Maler des jüdischen Schicksals

Felix Nussbaum: 'Triumph des Todes', 1944, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
"'Triumph des Todes"
Seit dem "Orgelmann" weiß Nussbaum, dass er sich nicht wird retten können, aber er hört nicht auf, sich mit seiner Malerei zu "wehren". Seine letzten Bilder sind von tiefer Anteilnahme gekennzeichnet: Das ohnmächtige Warten der vom Tod bedrohten Juden ist das Thema. Das "Trauernde Paar" vom 6. Dezember 1943 zeigt dieses stumme regungslose Verharren, das kennzeichnend für diese Situation ist. Dieses Bild hielt Nussbaum für eine eher private Analyse seiner Situation. Der "Jude am Fenster" hingegen könnte als eine "politische" Fassung betrachtet werden, in dem es ihm um die Darstellung des von der bürgerlichen Gemeinschaft Ausgestoßenen geht. Kennzeichnung des Außenseiters ist der Flicken. Hier kommt der Judenstern hinzu, der den in seinem Zimmer wie in einer Zelle Gefangenen als Juden kennzeichnet.

Da durch ein Fenster der Blick nach draußen noch möglich erscheint, liegt in diesen Bildern immer noch ein Funken Hoffnung. Der militärische Sieg über Nazideutschland scheint in greifbare Nähe zu rücken, als ab 1943 die Niederlagen in Stalingrad und Nordafrika ein Ende des Leidens vermuten lassen. So sind die Vorzeichnungen zu Nussbaums letzten großen Gemälden noch von dieser ansatzweisen Hoffnung geprägt. In dem schließlich umgesetzten Gemälde "Die Verdammten" ist jeder Hoffnungsschimmer wieder geschwunden. Es wird zu einem Bild des unentrinnbaren Todes. Hier führt er Bildnisse und Gesten seit "St. Cyprien" allegorisch in einem Bild der zwölf Stämme Israel zusammen.

Als im Untergrund lebende Juden sind sie in der Öffentlichkeit zusammengetrieben und warten ohne Hoffnung auf ihren Abtransport. Nussbaum selbst in ihrer Mitte trägt nur noch Fetzen am Körper. Sein Gestus entspricht dem "Selbstbildnis mit Judenpaß". Seinen Judenstern hat er abgelegt, ebenso seinen Hut, das Zeichen der Würde, der durch eine Malerkappe in der grünen Farbe des Todes ersetzt worden ist. Skelette tragen aus einer Seitenstraße Särge in das Bild mit den Nummern 25.367 und 25.368. Eine Zahl, die fast exakt der Zahl der aus Belgien deportierten Juden entspricht.

In der Vorzeichnung versperren die Sargträger noch nicht die Fluchtmöglichkeit durch die im Hintergrund angedeutete Straße. Zur Planänderung hat wahrscheinlich das Erlebnis des kleinen Jaqui beigetragen, der des Öfteren Nussbaum in seinem Atelier besuchte. Durch eine kindliche Unachtsamkeit, die seine Identität als Jude preisgibt, ist Nussbaum sicher, dass seine Entdeckung nur noch eine Frage der Zeit ist. Nussbaum porträtiert den Jungen Ende Januar 1944 in dem anrührenden Bild "Jaqui auf der Straße". Er gestaltet hier im Mitleiden mit dem hilflosen, alleingelassenen, vom Tode bedrohten Kind nicht nur seine eigene Situation, sondern das Bild besitzt darüber hinaus einen anklagenden Charakter gegen die menschenunwürdigen Verhältnisse.

In seinem letzten Bild, einem "Triumph des Todes", zweifelt Nussbaum schließlich am Sinn seiner Kunst, die ihm so lange Kraft zu leben gab. Es gestaltet nicht einen Totentanz im klassischen Sinne, sondern in diesem Bild triumphiert der Tod lärmend über die erfolgreiche Vernichtung der abendländischen Kultur, deren Zeugnisse zerstört im Schutt liegen. Dem verwesenden Orgelmann im Bildzentrum gibt Nussbaum seine Porträtzüge. Der Orgelmann, sein alter ego, schaut nunmehr interessenlos vor sich hin. Lediglich die Papierdrachen, die aus dem Bild fortgetragen werden, zeigen noch Emotionen, die denen der Dargestellten in St. Cyprien entsprechen. Die Farbe im Bild ist erloschen, alles ist in ein fahles Braun getaucht. Ein abgerissenes Kalenderblatt zeigt das Datum, an dem Felix Nussbaum das Bild und mit der Welt abschloss: 18.4.1944, Dienstag.

Am 20. Juni 1944 werden Felix Nussbaum und Felka Platek auf Grund einer gezielten Denunziation verhaftet und über das Sammellager Mechelen am 31. Juli 1944 mit dem letzten von insgesamt 26 Deportationszügen aus Belgien nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Am 6. September 1944 marschieren die Alliierten in Brüssel ein.

Zurück   Seitenanfang