Millionen Menschen in Europas Städten und Ballungszentren, oft weit ab von den Fronten, erleben ihn als neue, für Frauen, Kinder und Alte besonders brutale Form des Kampfes. Der Luftkrieg wütet vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges.
Ungezählte Städte legt er in Schutt und Asche. Osnabrück ist nur eine von vielen zwischen Coventry und Dresden.
Osnabrücks Zerstörung beginnt bereits zehn Monate vor Kriegsbeginn, als zu Nazihorden verwandelte Bürger der Stadt in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die große Synagoge in der Rolandstraße in Brand stecken. Diesem Akt bürgerlicher Selbstzerstörung städtischer Religiosität, Kultur und Humanität folgt bald der Terror aus der Luft. Am 4. September 1939, wenige Tage nach dem Überfall deutscher Truppen auf Polen, heulen in Osnabrück zum ersten Mal die Sirenen.
Bis Kriegsende werden sie die Bevölkerung der Stadt insgesamt 2396 Mal in Keller und Luftschutzbunker treiben.
Am 23. Juni 1940 fallen die ersten Bomben auf Osnabrück: Britische Flugzeuge greifen das Stahlwerk an. Viele andere Städte, wie Polens Hauptstadt Warschau und die niederländische Hafenstadt Rotterdam, sind bereits Trümmerhaufen - zerstört von der deutschen Luftwaffe. Bis Kriegsende fliegen alliierte Verbände 78 Luftangriffe auf Osnabrück, die letzten und schwersten noch im März 1945. Wenige Tage später, am 4. April, ziehen britische Einheiten durch die Trümmerfelder der Stadt.
Osnabrück zählt zu den deutschen Städten, die 1945 besonders nachhaltig zerbombt sind. Die Altstadt ist ein weites Ruinenfeld. Die Statistik meldet als Bilanz des Bombenkrieges 1434 Tote - darunter 268 Kriegsgefangene, Häftlinge, Zwangsarbeiter - 1964 Verletzte, 757 Großbrände, dazu mehr als 3600 Mittel- und Kleinbrände, fast 6000 total zerstörte Wohnhäuser, 5700 beschädigte Wohnhäuser.
32 öffentliche Gebäude, sieben Kirchen, 13 Schulen, ein Krankenhaus gingen in Flammen auf. 900000 Kubikmeter Trümmer häuften sich in der Stadt. Knapp ein Jahr später, am 11. Februar 1946, eröffnet Oberbürgermeister Dr. Adolf Kreft, eingesetzt von der britischen Militärverwaltung, die erste Sitzung des ebenfalls von den Briten ernannten Rates und bilanziert weiteren Schutt. Er sagt: "Die vergangene Epoche hat ja nicht nur im Materiellen, sondern mehr vielleicht noch im Geistigen ungeheure Schuttmassen hinterlassen".
Oberstadtdirektor Willi Vollbrecht, der dem Rat am 2. April 1946 seinen "Enttrümmerungsbericht" vorlegt, ruft unmissverständlich ins Gedächtnis: "Wenn die Trümmer Osnabrücks anklagend bezeugen, das ist Hitlers hinterlassenes Werk, so gehört für seine Anhänger auch bei sachlichster Überlegung noch das Wort hinzu: Das ist auch Euer Werk."
Die Stadt ersteht wieder aus den Ruinen. Der Wiederaufbau, so fordert Vollbrecht, "bedeutet keineswegs Wiederherstellung des Alten, er ist nicht Restauration, sondern auf der Grundlage des Wiederaufbaus ist eine erneuerte Stadt zu erstreben." Mindestens zwei Jahrzehnte, schätzt er, werde der Aufbau dauern.
Das Wiederaufbauwerk gelingt, selbst wenn sich bald zeigt, dass vieles eilig und notdürftig errichtet wurde. Deswegen macht sich die Stadt Ende der 1960er Jahre an die nächste große Aufgabe - die Sanierung der Altstadt. Dabei soll möglichst das gewachsene, nach 1945 teilweise wiedererstandene Stadtbild erhalten bleiben. Dennoch lässt sich die Stadt nicht ohne schmerzliche Eingriffe in Straßenzüge und Struktur neu gestalten. Die Sanierung ist heftig umstritten. Doch auch sie gelingt: Osnabrück erhält für das "Jahrhundertwerk" Auszeichnungen des Landes Niedersachsen und des Bundes.
An all das erinnert die Ausstellung "Zerstörung und Aufbau" im oberen Flur des Osnabrücker Rathauses. Großfotos, Texte, Pläne und Videos dokumentieren den Weg von der zerbombten Stadt bis zum neuen Osnabrück.






