Mit dem mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis ehrte die Stadt Osnabrück den Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss für sein Afrika-Buch "Hundert Tage". Wie Jury-Chef Prof. Dr. Claus Rollinger, Präsident der Universität Osnabrück, bei dem Festakt erläuterte, fiel das einmütige Votum auf Mankell und Bärfuss, weil sich beide Schriftsteller durch ihr engagiertes Werk auf unterschiedliche Weise mit den Konflikten des Kontinents Afrika intensiv auseinandersetzen und sie öffentlich machen.
Der Friedenspreis, den die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre vergibt, erinnert an den in Osnabrück geborenen Schriftsteller Erich Maria Remarque. Rollinger hob hervor, dass Mankells variationsreiche Afrika-Bücher dem Werk Remarques auf eindrucksvolle Weise entsprächen. Das Bärfuss-Buch, das den Massenmord in Ruanda aufgreift, mache deutlich, dass engagierte Literatur auch in unserer Zeit als Korrektiv für die politische Verantwortung und Bildung öffentlicher Meinung geeignet sei.
Osnabrücks Oberbürgermeister Boris Pistorius übergab Mankell und Bärfuss die Preisurkunden. Außerdem schenkte er ihnen kleine Steckenpferdreiter-Statuen, die an einen Osnabrücker Brauch erinnern, mit dem die Viertklässler der Stadt jährlich des Westfälischen Friedens gedenken. "Osnabrück nennt sich auch selbst `Die Friedensstadt´, weil sie mit ihren Bürgerinnen und Bürgern für die friedliche Gestaltung unserer Zukunft in die Geschichte zurückblickt, um so für unsere Gegenwart Impulse für die Toleranz zu geben", sagte Pistorius. Er hob hervor, dass die Jury bereits vor zwei Jahren den Entschluss gefasst habe, Autoren auszuzeichnen, die der afrikanischen Problematik ins Wort helfen. Auch die Afrika-Reisen des Bundespräsidenten hätten diese Entscheidung mit angeregt.
Afrika sei der Kontinent, auf dem sich die Zukunft der Menschheit entscheide, sagte der Oberbürgermeister. "Wenn man Bilder völlig entkräfteter Flüchtlinge sieht, die wie Strandgut an den Stränden unserer Zivilisation angespült werden, dann mag der Gedanke erlaubt sein, dass wir uns unsere Humanität vielleicht nur deswegen leisten können, weil wir ihre Gefährdung exportiert haben und alles dafür tun, dass wir nicht zur Verantwortung gezogen werden", so Pistorius.
Auch Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler ging in seiner Laudatio auf die Flüchtlinge aus Afrika ein, die bei dem Versuch, in kleinen Booten nach Europa überzusetzen, ums Leben kommen. "Ich fürchte, wenn sich nichts ändert, wird sich die Zahl der Bootsflüchtlinge noch drastisch erhöhen. Die Grenzen Europas dagegen abzuriegeln, ist weder politisch noch moralisch eine Lösung", sagte Köhler. Vielmehr müssten Bedingungen dafür geschaffen werden, dass die Menschen in Afrika bleiben könnten. Dass "good governance" – also Unterstützung – nötig sei, stehe außer Frage. "Wir brauchen aber auch Veränderung in der Welt außerhalb Afrikas, in der Handels- und Rohstoffpolitik, in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit und nicht zuletzt auch der Repräsentation Afrikas in den multilateralen Institutionen."
Mankell wandte sich in deutscher Sprache an die Gäste in der Marienkirche. Der Schriftsteller, der in Mosambik und Schweden lebt, forderte Solidarität mit Afrika. Wichtiger noch sei aber die Einsicht, dass es bei dieser Solidarität in erster Linie um Vernunft gehen müsse. "Wenn ich will, dass meine Kinder eine annehmbare Zukunft in einer gerechten Welt erleben sollen, dass muss ich auch wollen, dass anderen Kindern die gleichen Möglichkeiten geboten werden", sagte Mankell. Ohne Frieden sei jedoch nichts möglich, meinte der 61-Jährige, der seit Mitte der 1980er Jahre eine zweite Wirkungsstätte in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, gefunden hat.
Mankell bezeichnete die Kriege gegen den Irak und Afghanistan als Angriffskriege und damit als ungerechte Kriege. "Man kann Terror nicht mit eigenem Terror beikommen", rief er aus. Der Schwede spielte auch auf Remarque an, der in seinem Roman "Im Westen nichts Neues" bereits unmissverständlich deutlich gemacht habe, dass Angriffs- und Eroberungskriege Wahnsinn seien. "Der Mensch ist ein rationales und vernünftiges Wesen. Auch wenn wir heute in einer unvernünftigen Welt leben: Wir können es ändern."
Spiegel-Kulturredakteur Dr. Volker Hage, der die Laudatio für den Schweizer Sonderpreisträger Lukas Bärfuss hielt, nannte dessen Buch "Hundert Tage" ein "literarisches Denkmal für die ruandischen Schreckensjahre." Das Buch sei ein überwältigend dicht erzählter Roman, empathisch und sorgfältig recherchiert, der das Drama der Schweizer Entwicklungshilfe aufzeige. Der 37-jährige Preisträger ging in seiner Ansprache darauf ein, dass selbst beispiellose Vorgänge aus Afrika bei uns nur Randnotizen in den Medien sind. "Unseren" Regierungen warf er vor, die afrikanischen Potentaten zu unterstützen, indem nicht gegen ihre Aktionen protestiert werde. "Und wann immer die internationale Staatengemeinschaft vor die Wahl gestellt wurde: gewalttätige Demokratisierung mit unsicherem Ausgang oder die bestehende autokratische Herrschaft mit Gewähr von Ruhe und Ordnung, dann hat sie sich immer für das Zweite entschieden. Stabilität geht über alles. Lieber strukturelle als offene Gewalt", sagte Bärfuss. Er wandte sich entschieden gegen Vorurteile gegenüber Afrika "Nach meinen Reisen weiß ich, dass es keine Fatalität gibt, so etwas wie ein unabwendbares Schicksal, das die afrikanischen Länder ins Elend zwingt. Hunger, Krankheit und Armut sind Weiterführungen der Politik mit anderen Mitteln", meinte er.
Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wird seit 1991 vergeben. Vor Mankell wurden Lew Kopelew (1991), Hans Magnus Enzensberger (1993), Uri Avnery (1995), Ludvik Vaculik (1997), Huschang Golschiri (1999), Swetlana Alexijewitsch (2001), Prof. Dr. Dan Bar-On und Mahmud Darwisch (gleichrangig 2003), Leoluca Orlando (2005) und Prof. Dr. Tony Judt (2007) ausgezeichnet.
Sonderpreise erhielten Anja Lundholm (1991), Dörte von Westernhagen (1993), Miljenko Jergovic (1995), die Gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission (1997), das Gründungskomitee des Verbandes iranischer Schriftsteller (1999), die Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge MEMORIAL (2001), Juri Andruchowytsch (2005) und Grigori Pasko (2007).







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