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Die Weber auf der Neustadt 

Rosenstrater Tuch aus der Neustadt

Die Rosenstraße war im 15. Jahrhundert das Zentrum der Osnabrücker Wollweber

Webstuhl
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Die Osnabrücker Neustadt war zwar die jüngere und im Blick auf die Einwohnerzahl wohl auch deutlich kleinere Schwester der Altstadt, aber kaum deren unbedeutendes Anhängsel, wie es zum Teil in der älteren Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts zu lesen ist.

Wirtschaftlich blühte die Neustadt spätestens in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts auf. Diese Entwicklung sollte für die ganze Stadt über die nächsten Jahrhunderte prägend sein. Am 20. Dezember 1345 erteilte der Rat der Neustadt den Wollwebern das Privileg, das von ihnen gewebte Tuch einer Qualitätsbeschau zu unterziehen und mit Bleiplomben zu besiegeln.

Der Wunsch, die Qualität des gefertigten Tuches zu kontrollieren und zu kennzeichnen, zeigt, dass hier nicht mehr nur für den lokalen Markt in Osnabrück gewebt wurde, sondern für den Fernhandel. Er verlangte eine gleichbleibende und verlässliche Qualität. Das Amt der Wollweber, dem zwei Gildemeister vorstanden, verfügte zu diesem Zeitpunkt also schon über eine größere wirtschaftliche Bedeutung.

Als einziges der Osnabrücker Handwerksämter hatte dieses auch seinen Ursprung in der Neustadt, ohne - wie die Bäcker und Fleischer - ein selbstständiges Gegenüber in der Altstadt zu haben. Vielmehr gehörten auch die Altstädter Wollweber diesem Amt an. So wurde 1347 anlässlich einer Seelgedächtnisstiftung des Amtes am Maternus-Altar im Osnabrücker Dom ausdrücklich von den Webern in der Alt- und der Neustadt gesprochen. Keine andere Osnabrücker Straße ist so eng mit der Tuchmacherei verbunden wie die erstmals 1306 als platea rosarum erwähnte Rosenstraße. In dieser lässt sich ein Großteil der Hausstätten von Wollwebern nachweisen.

In einem zwischen 1460 und 1480 niedergeschriebenen Verzeichnis findet sich unter den Steuersätzen für 23 verschiedene Tuchsorten aus England, Flandern, den Niederlanden, dem Rheinland und Westfalen auch das einheimische als "Rosenstrater" bezeichnete Tuch. Die Rosenstraße als Zentrum der Wollweber wurde so auch Namen gebend für das Produkt.

Die Konzentration der Wollweber auf die Neustadt war allerdings keine Osnabrücker Besonderheit, sondern entsprach vielmehr einer typischen Entwicklung. Häufig wurden Wollweber gezielt in den Stadterweiterungen oder Neustädten angesiedelt oder diese gar zu diesem Zweck angelegt - dies lässt sich beispielsweise für Braunschweig, Breslau, Göttingen, Hildesheim oder Thorn beobachten.

Angelockt wurden damit auch Weber aus dem niederländisch-flandrischen Raum, dem neben der Toskana bedeutendsten europäischen Textilzentrum des Mittelalters, in dem auch der technologische Fortschritt weiter vorangeschritten war. Wie weit dieser Zusammenhang zwischen Neustadtgründung und Ansiedlung von Wollwebern auch für Osnabrück gegeben war, kann aus den erhaltenen Schriftquellen nicht belegt werden. Dabei zeigen aber die Namen der zu Beginn des 13. Jahrhunderts genannten Wollweber wie Heinrich Paderborn sowie Heidenreich und Heinrich Soest, dass diese auch aus anderen größeren Städten nach Osnabrück gezogen waren. Und das, obwohl in Soest bereits im 13. Jahrhundert eine bedeutende Tuchmacherei bestand.

Ein eher abwertendes, vor allem aber unzutreffendes Bild hat Hermann Rothert in seiner 1937/38 erschienenen "Geschichte der Stadt Osnabrück im Mittelalter" von den Osnabrücker Wollwebern des 14., aber auch noch des 15. Jahrhunderts gezeichnet: Ausgehend von der unbegründeten Behauptung, die Neustadt habe einen "ländlichen Charakter" gehabt, sah er auch das dortige Textilgewerbe anders als in Soest in der Fortsetzung des ländlichen Handwerks.

Eine "Rückständigkeit" zeigte nach Rothert auch der erst 1457 erfolgte Erwerb der Burg Gretesch durch das Osnabrücker Wollweberamt, um dort eine Walkmühle einzurichten und das mühselige Walken per Fuß zu mechanisieren. Denn schon zuvor bestanden andere Walkmühlen in Osnabrück.

So wurde in einem Verzeichnis aus den 1420er Jahren eine bereits bestehende und räumlich der Neustadt zuzuordnende Walkmühle erwähnt und 1444 eine weitere in der niederen Mühle zu Haste genannt.

Schon diese früheren Erwähnungen machen es wahrscheinlich, dass bereits im 14. Jahrhundert mindestens eine Walkmühle in Osnabrück bestanden hat. Der Kauf und Umbau der Burg Gretesch, die in der Folge dann auch in die Osnabrücker Landwehr eingebunden wurde, unterstreicht also vielmehr noch das wirtschaftliche Potenzial, über das die Osnabrücker - und dies waren in erster Linie die Neustädter - Wollweber um die Mitte des 15. Jahrhunderts verfügten.

Zu dieser Zeit fand das Osnabrücker Tuch seinen Weg über den niederländischen Raum bis nach England. Um 1600 war die Tuchmacherei mit etwa 300 selbstständigen Meistern das bedeutendste Gewerbe in der Hasestadt.

Karsten Igel

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