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Das Neustädter Rathaus 

Ein eigenes Rathaus für die Neustadt

St. Johann und das Neustädter Rathaus. Ausschnitt aus dem Kupferstich von Wenzel Hollar (1607-1677) ''Ansicht der Stadt Osnabrück aus der Vogelperspektive'', als kolorierter Kupferstich gedruckt in Köln um 1633
St. Johann und das Neustädter Rathaus
St. Johann und das Neustädter Rathaus. Ausschnitt aus dem Kupferstich von Wenzel Hollar (1607-1677) ''Ansicht der Stadt Osnabrück aus der Vogelperspektive'', als kolorierter Kupferstich gedruckt in Köln um 1633
 
Rathäuser sind stets eine Verkörperung des städtischen Selbstverständnisses. Auch die Ratsleute der neuen Stadt um Sankt Johann waren fest entschlossen, "zum Nutzen und zum Schmuck" ihres Ortes ein "neues Haus" zu erbauen: Darin sollte Gericht abgehalten werden, die üblichen Verwaltungsaufgaben durchgeführt und der Kauf und Verkauf von Fleisch und Brot kontrolliert werden.

Entsprechend der Funktion des Hauses wählte man einen zentralen Bauplatz nahe der Stiftskirche Sankt Johann. Direkt an der Johannisstraße sollte nun in dem 76 Fuß langen, 421⁄2 Fuß breiten Gebäude die Interessen der Neustadt vertreten werden. Zu diesem Zwecke wurde mit Dekan und Kapitel von Sankt Johann ein Vertrag geschlossen, der am 26. Januar 1348 besiegelt wurde: Alle Beteiligten erklärten sich damit einverstanden, dass das bebaute Grundstück Eigentum der Stadt sein sollte.

Bürgermeister und Rat der Neustadt hatten bereits mit ersten Baumaßnahmen für das neue Rathaus begonnen, als es offenbar zu massiven Beschwerden des Propstes kam. Mit der Vereinbarung sollten aufgetretene Konflikte beseitigt werden.

Sehr genau wurde beschrieben, in welchen Grenzen die Freiheit des Kapitels von Sankt Johann weiterhin gültig sein sollte und "der genannten Kirche auf Dauer frei gehören" und "nicht durch irgendwen zu irgendeinem Zeitpunkt mit irgendwelchen Bauwerken besetzt werden". Nur das Grundstück zur Johannisstraße galt als städtisch.

Der Vertrag zwischen dem Kapitel von Sankt Johann und der Neustadt ist ein frühes Zeugnis dafür, wie versucht wurde, über schriftliche Vereinbarungen 'Zwietracht' zu schlichten. Er ist aber auch eine wichtige Quelle, die über die begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten der mittelalterlichen Neustadt Aufschluss gibt.

Denn die Garantie, die Immunität um Sankt Johann zu respektieren, verbot jede zukünftige Aus- und Erweiterung um das Rathaus und stellte eine ungünstige Einschränkung dar. Die Auseinandersetzungen um die Immunität und die damit verbundene Rechtsstellung der zum Klerus gehörigen Personen blieben ein beständiger Grund zu Konflikten. Erst mit einer Vereinbarung aus dem Jahre 1674 scheinen diese Auseinandersetzungen beseitigt worden zu sein.

1348 war der ansässige Klerus um Sankt Johann offenbar besorgt, von einem allzu geschäftigen Markttreiben um das neue Rathaus belästigt zu werden. So sollten die Fensteröffnungen kleiner gemauert werden, besonders jene, die "gegen Süden, zur genannten Kurie unseres schon genannten Propstes, ausgerichtet sind". Man wünschte sie "von ihrem unteren Teil bis zur Mitte" geschlossen. In den Giebeln, im Dach und im oberen Geschoss konnten dagegen Fenster "zum Hereinziehen und Herausschaffen von Säcken und dergleichen" angelegt werden. Strikt verbat man sich die Einrichtung eines "stillen Ortes". Die Sorge, andernfalls "durch Ausdünstung von Gestank die Vorübergehenden" zu belästigen, war sicher berechtigt.

In der Fotomontage der Johannisstraße von Christian Grovermann ist das ehemalige Rathaus noch gut zu erkennen - auch wenn es über die Jahrhunderte bauliche Veränderungen erfuhr. Damals mag das neu erbaute Rathaus stolzes Zeichen des beginnenden Erfolges im Tuchhandel gewesen sein - zum 'Marktzentrum' des mittelalterlichen Osnabrücks konnte es sich jedoch nicht entwickeln.

Denn Bürgermeister Ertwin Ertmann, in der Neustadt geboren, ließ 1487 an der Bierstraße ein neues Rathaus erbauen. Entsprechend den Bedürfnissen der aufstrebenden Hansestadt ließ er um den geplanten Neubau einen repräsentativen Platz anlegen. Die Geschichte des Neustädter Rathauses war 1814 zu Ende; in den folgenden Jahrhunderten wechselte es mit seinen Besitzern auch seine Funktion als Handelshaus.

Eva Berger

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